Jagen in Polen – Ein Hirsch kommt selten allein (I/II)

Letztes Jahr, Ende September. Eine kleine Truppe sich untereinander mehr oder weniger bekannter Jäger bricht mit Leihbulli und bis unter die Plane beladenem Anhänger auf in Richtung Osten. Das Ziel ist laut Karte ein kleiner Ort in Oberschlesien und liegt 750 Kilometer oder gute sieben Stunden Fahrtzeit entfernt.

Laut Reiseveranstalter erwartet uns ein Revier, das mit einer bejagbaren Fläche von 24.000 ha zu den größten Jagdgebieten der Region zählt. Laut Google  Maps sieht es zumindest schon einmal dünn besiedelt aus. Gute Aussichten! Schließlich freuen sich alle nicht nur auf die gemeinsame Zeit, sondern vor allem auf weite Flächen unberührte Natur, spannende Pirschgänge und vor allem: das Röhren der Hirsche. Denn das ist der eigentliche Grund, weshalb
wir sieben ausgelassen und voller Vorfreude in eben diesem Gefährt in Richtung Polen sitzen. Fünf Tage lang Hirschbrunft live. Mit Glück sollte
es für vier von uns — die Anderen waren als nichtjagende Begleitung dabei— die Krönung, einen Rothirschabschuss geben.

©K.-H. Volkmar

Für mich, die seit drei Jahren den Jagdschein hat, wäre es das erste Mal. Sowohl die Brunft zu erleben, als auch einen Rothirsch zu erlegen. Meine Aufregung ist dem entsprechend groß. Habe ich die richtige Ausrüstung eingepackt? An alle Dokumente gedacht? Hätte ich nicht doch noch einen Pirschstock mitnehmen sollen? Was, wenn mich das Jagdfieber packt und ich vor lauter Beben im entscheidenden Moment keinen sauberen Schuss anbringen kann? Ist die Ausstellung meines EU Feuerwaffenpasses korrekt? Wie verständige ich mich mit meinem Pirschführer? Wo habe ich noch mal den Jagdschein hingesteckt oder liegt er doch noch auf dem Küchentisch? Beruhigt stelle ich fest, dass sich auch unter meinen Mitjägern deutlich eine nervöse Vorfreude breit macht. Die Fahrt dauert letztendlich dank diverser Staus weitaus länger als geplant, so dass wir erst spät nach Einbruch der Dunkelheit in die Einfahrt unseres Quartiers einbiegen. In Empfang genommen werden wir von Dolmetscher und Jagdführer Christoph, der uns die Unterkunft für die nächsten Tage zeigt. Ein geräumiges Haus für uns alleine, jeder hat sein eigenes Badezimmer und das wichtigste: der Esstisch ist bereits reichlich gedeckt. Ausgehungert fallen wir über die erste polnische Mahlzeit her, während uns der Ablauf für die kommenden Tage erklärt wird. Die Ansage für den nächsten Tag lautet: halb fünf Abfahrt ins Revier.

Die Nacht ist entsprechend kurz und doch stehen wir bereits alle aufgekratzt und hellwach parat als unsere Pirschführer angefahren kommen. Ich habe vorsichtshalber so ziemlich alles in meinen Jagdrucksack gepackt, was ich an jagdlicher Ausrüstung besitze. Sicher ist sicher… Roland, der als einziger Mann einen Hirsch schießen möchte, lässt es da lockerer angehen und trägt nur das Doppelglas um den Hals und seine Waffe in der Hand. Der Blick zu meinen Mitjägerinnen Britta und Ute bestätigt mich wiederum — beide sind ähnlich bepackt wie ich. Ob das nun auf Erfahrungswerten (Roland hatte in seinem Jägerleben bereits einen Hirschen gestreckt) oder auf genderspezifischem
Verhaltensweisen basiert, lassen wir einmal dahin gestellt.

©K.-H. Volkmar

Zügig werden wir auf die Pirschführer und deren Autos verteilt und brechen in Richtung Revier auf. Für mich ist Irek verantwortlich, ein sehr ruhiger und zurückhaltender Förster mittleren Alters. Das kommt mir entgegen und während wir durch die Nebelschwaden fahren, macht sich bei mir die Vorfreude auf einen eindrucksvollen Jagdmorgen breit. Keine Spur mehr von Nervosität oder Unsicherheit. Ireks stoische Gelassenheit scheint sich auf mich zu übertragen. Ein kurzer Stopp am Wegesrand um den Wind zu prüfen und weiter geht es. In der Dunkelheit kann ich nicht mehr als dichten Kiefernbestand rechts und links der Straße erkennen, die schon bald in einen schmalen Forstweg übergeht. Nach einer gefühlten halben Stunde Fahrt parkt Irek seinen Hillux an einer Schneise, wir steigen leise aus. Ohne zu wissen, ob wir von hier einen Pirschgang starten oder uns für Stunden auf einen Hochsitz setzen, greife ich unsicher zu meinem Rucksack. Irek schüttelt nur kurz den Kopf. Das reicht uns als Verständigung und im nächsten Moment folge ich ihm bereits ohne Rucksack, mit geschulterter Büchse die Schneise entlang durch kniehohes Gras. 500 Meter später stehen wir unmittelbar vor einem Hochsitz. Wieder nur ein kaum merkliches Zeigen mit dem Kopf nach oben. Also steige ich die Leiter hinauf. Irek nimmt neben mir Platz und wir harren einträchtig der Dinge, die da kommen werden. Es ist sehr kühl. Vor allem, da ich mich nach dem Aufstehen für die dünne, weil leisere Hose entschieden habe. Auch mein Nachbar fröstelt etwas und lässt tatsächlich ein leises: „Kalt Hintern.“ fallen. Nach kurzer Irritation übersetze ich es als das wohlbekannte a….kalt und schmunzele in mich hinein.

Mit beginnender Dämmerung ist vor uns eine riesige Freifläche zu erkennen, die von einer dicken Nebelschicht bedeckt ist. Nur langsam kann ich die Struktur ausmachen, einzelne kleine Baumgruppen und Hecken erstrecken sich bis zum Horizont. Rechts von uns vermute ich einen See. Was eine Landschaft. Schon allein dafür hat sich das frühe Aufstehen gelohnt. Just in dem Moment durchbricht ein kraftvoller Ruf die Stille. Und noch einer. Wow. Wenn ich noch keine Gänsehaut von der Kälte gehabt hätte, spätestens jetzt läuft mir ein Schauer über den Rücken. Der Hirsch scheint weit links von uns zu stehen. Ob noch im Bestand oder bereits auf der Freifläche ist nicht auszumachen. Immer wieder glase ich die Stelle ab, doch keine Bewegung. Es wird wieder still. Die Nebeldecke hat sich inzwischen in dünne Schwaden aufgelöst. Etwa 200 Meter vor uns erkenne ich zwei Stücke Rehwild, vermutlich Ricke und Kitz. Ein leichter Stoß von Irek mit dem  Ellenbogen hält mich von weiteren Ansprechversuchen ab.

Schon allein für dieses Seenpanorama hat sich der erste Morgen gelohnt. ©A. Jakobs

Ich folge seinem Blick und erkenne ein Alttier mit Kalb, die scheinbar die ganze Zeit unbemerkt von uns hinter einer Hecke vor dem Hochsitz gelegen haben. Langsam ziehen die beiden nun Richtung Kiefernaltholz. Für mich ist es bereits jetzt ein perfekter Morgen. Die nächste Zeit verbringe ich unter anderem damit, mich über Schüsse (?) im regelmäßigen Abstand von etwa zehn Minuten zu wundern.

Die Sprachbarriere hält mich trotz Neugierde davon ab, nachzufragen ob es sich dabei tatsächlich um Schrotschüsse handelt, denn so hört es sich an. Da mein Begleiter darauf in keinerlei Hinsicht reagiert, scheint es zumindest nicht außergewöhnlich zu sein. Als er schließlich aufsteht um abzubaumen, möchte ich eigentlich noch sitzen bleiben. Andererseits kann ich es kaum erwarten zu erfahren, was meine Kollegen währenddessen alles gesehen und erlebt haben.
Am Wagen angekommen, wirft Irek einen kurzen Blick auf sein Handy und steuert dann zielstrebig in die Richtung aus der wir nicht gekommen sind. Für einen weiteren Ansitz oder Pirschgang? Es bleibt mir nichts anderes übrig, als abzuwarten. Wir passieren riesige Fischteiche, grade stürzt sich ein Eisvogel von einem Ast am Ufer in die fast stille Wasseroberfläche. Das erste Mal, dass ich so einen Vogel überhaupt live sehe und nicht in einem Werbespot. Ob er Beute gemacht hat, konnte ich nicht mehr erkennen. Für den kleinen Vogel geht es bei der Jagd ums Überleben, für mich ist heute zunächst nebensächlich, ob ich einen Hirsch schieße oder nicht. Es kommen ja noch einige Tage.

Dankbarkeit ©K.-H. Volkmar

Kurz darauf erreichen wir eine Lichtung, auf der bereits zwei Geländewagen stehen. Als ich meine Jagdkollegen daneben erkenne, löst sich die Situation schnell auf. Einer der Anderen hatte also Waidmannsheil! Da sehe ich auch schon die Geweihspitzen aus dem hohen Gras ragen. Ein Blick in die Gesichter und es ist klar: Roland strahlt von einem Ohr zum anderen und kann die Augen nicht von seinem Hirschen lassen. Bereitwillig, wenn auch noch etwas durcheinander, sprudeln seine Erklärungen aus ihm heraus.

Nein, nicht von der Kanzel.
Gepirscht, über mehrere Kilometer.
Zwei Hirsche vorgehabt.
Vom Pirschstock aus.
Lag sofort im Knall.
Schaut euch dieses Geweih an!

In der Tat kann sogar ich als Rotwildanfänger erkennen, dass es sich hier um keine Otto Normalstangen handelt. Eine deutliche Biegung auf mittlerer Höhe nach hinten gibt dem Hirschen einen Hauch von Wapiti Ähnlichkeit. So formuliert es zumindest einer der Anwesenden. Rolands Erlegerstolz ist ansteckend, so dass wir gemeinsam jedes Detail des Hirsches begutachten. Karl-Heinz, unser mitgereister Wildtierfotograf, hält währenddessen alle Emotionen im Bild fest. Es dauert dementsprechend, bis wir nach Aufbrechen und Verladen wieder unser Quartier erreichen. Das erste Mal sehen wir das kleine Örtchen bei Tageslicht. Eigentlich sind es nur wenige Häuser, die die einzige Straße säumen. Auf dem Ortsschild auch der frühere deutsche Name „Hirschfelde“. Wie passend. Bis zum Abendansitz verbringen wir die Zeit damit spazieren zu gehen, Siesta zu halten und damit, die hervorragende polnische Küche zu genießen, die in unvorstellbaren Mengen angeliefert wird.

Die Anspannung lässt nach, die Euphorie über den Jagderfolg bleibt ©K.-H. Volkmar

Am frühen Abend brechen wir erneut auf. Dieses Mal begleitet uns mein Onkel, mein jagdlicher Mentor, dem ich im Übrigen die ganze Reise zu verdanken habe. Irek und ich setzen ihn bewaffnet mit seinem Spektiv an einer Kanzel ab und besteigen die nächste. Um es kurz zu machen: ein ähnlich beeindruckender Ansitz, mit Damwild, meldenden Hirschen von allen Seiten und einigen Rothirschen im Anblick — alles getaucht in ein fast schon kitschiges Abendrot. Tatsächlich liege ich sicher eine viertel Stunde im Anschlag auf einen von Irek für passend erklärten Hirsch. Allerdings ist der Bewuchs so hoch, dass ich mich nicht traue einen Schuss abzugeben. Für mich kommt nur ein Blattschuss in Frage und solange dieses verdeckt ist, lasse ich die Kugel im Lauf. Drei Mal höre ich „okay, schießen“, dann gibt Irek leicht ungeduldig auf. Schließlich zieht das Stück weiter und setzt am Horizont zu einer wahren Arie an Brunftschreien an. Dieser Anblick in rosarotem Abendlicht wäre mir entgangen, wenn ich geschossen hätte, denke ich kurz. An diesem Abend kommt in unserer Truppe kein weiterer Hirsch zur Strecke.

Wie es weitergeht, worum es sich bei den Schüssen am Morgen gehandelt hat und ob ich trotz meiner Vorsicht noch zu einem Hirsch komme – lest ihr in der nächsten Ausgabe SPURLAUT.
Waidmannsheil, AJ