Auch das gehört dazu…

Ich streiche über die weiche Decke. Endlich. Die verletzte Geis hat es geschafft. Ich bin dankbar ihr helfen zu können, aber auch voller Wehmut und mache mir Gedanken ob das manchmal alles richtig ist, was ich als Jägerin mache. Was soll auch falsch daran sein, weiteres Leid zu vermeiden. Auch das gehört zur Jagd.

Ich fahre den dritten Tag zu einem Freund, der 1 Stunde entfernt wohnt und ein Revier direkt vor Ort betreut. Hier wurde einige Tage zuvor eine Geis mit Kitz in einen Unfall verwickelt. Das Kitz überlebte leider nicht und auch die Geis verletzte sich wohl etwas schwerer. Seitdem sieht man sie ab und an stark knappend zwischen Wald und Maisfeld, erlegen ließ sie sich aber bisher noch nicht. Und mein Freund samt Mitjäger saß wirklich tagelang an, pirschte über Felder und Wiesen. Immer sprang sie ab oder die Gegebenheiten ließen keinen sicheren Schuss zu. Und so nehme ich gerne je 1 Stunde Fahrt auf mich, um ihnen hier zu helfen. Der 2. Ansitztag war so stürmisch, neblig und regnerisch, dass der erfolglose  Ansitz fast sicher war. Auch wenn sich hier und da ein Reh weit weg am Waldtrauf zeigte. Am dritten Tag laufe ich Richtung Kanzel und kann schon nach einigen Metern zwei Rehe genau am Sitz erkennen. Ich versuche sie hinsichtlich meiner leeren Gefriertruhe leise und bedacht anzupirschen. Noch während dem Gedanken, dass ich jetzt von der Entfernung her, auf meinem Rucksack auflegen könnte, werfen beide Rehe auf und flüchten in den nahen Wald zur Nachbarjagd. Was auch immer, etwas aus der Gegenrichtung muss sie aufgeschreckt haben.

Ich steige die Kanzel hoch und richte mich ein. Beste Sicht über die Felder vor mir. Hinter und neben mir Grasgasse und Waldtrauf. Top Platz. Anblick garantiert. Zwei Rehe ziehen auf die Gasse. Der Anblick ist jedoch nur von kurzer Dauer. Ein Jogger springt aus einem kleinen Trampelpfad aus dem Waldstück hinter mir. Super. Rehe natürlich wieder weg. Ein Fuchs schnürt wenige Minuten später am Feld entlang. Wieder kann ich einige Rehe in weiter Ferne auf einem der äußeren Felder erkennen. Für einen sicheren Schuss absolut zu weit und die Straße im Hintergrund eignet sich nicht wirklich als Kugelfang.

©Natalie Bernhard

Langsam setzt die Dämmerung ein. Wieder ziehen zwei Rehe aufs Feld neben mir. Ich versuche das breit stehende ins Zielfernrohr zu bekommen. Jedoch fängt es an sich ständig zu bewegen und somit meist spitz zu stehen wenn es dann endlich steht. Auch werde ich vom schon gut sichtbaren Vollmond dermaßen geblendet, dass ich defintiv nicht schießen kann. Manchmal soll’s einfach nicht sein. Die Felder vor mir sind leer. Kein Wild ist zu sehen. Ich glase die vom Mondlicht erhellten Flächen und den Waldrand ab. Bisher kam alles Wild rechts von mir. Noch einmal nehme ich mein Fernglas zur Hand. Ich kann etwas Helles links von mir am Waldtrauf erkennen. Etwa ein Reh? Aber so hell? Es ist zum sicheren Ansprechen noch zu weit weg.

Das Stück zieht auf einmal schnell auf’s Feld in meine Richtung. Und es knappt. Es ist ein Reh. Die Bewegung erinnert eher an einen schnellen Hasen, wenn man nicht wüsste dass es wirklich ein Reh ist. Das muss die kranke Geis sein. Das Reh ist in seiner Bewegung sichtlich eingeschränkt. Eineinhalb Stunden nach Sonnenuntergang ist es schon fast. Ich greife mir mein Gewehr. So schwer ich die anderen Rehe ins Absehen bekommen hab, so einfach gelingt es mir jetzt bei diesem Stück. Als es kurz breit neben mir verhofft, mache ich den Finger krumm. Ich sehe wie sie im Knall liegt.

Mein Kopf ist kurze Zeit etwas wirr. War das richtig? Der Verstand sagt ja. Der Zweifel ob sie sich doch noch erholt hätte ist dennoch da. Ich gebe meinem Freund kurz Bescheid. Noch immer grübelnd packe ich zusammen und warte auf dem Sitz bis er kommt. Ich leuchte ihm zum Reh. Als er am Stück ist, baume ich ab. Am Auto meint er sofort „Super, gut gemacht. Das ist sie. Waidmannsheil.“ Ein Blick auf die Schalen der Vorderläufe zeigt uns, dass eben nichts mehr gut werden konnte. Später beim Aufbrechen sehen wir das ganze Ausmaß, das der Autounfall angerichtet hat. Ein Bruch des Blattes. Daher die Fehlhaltung und die Auswirkung bis in die Schalen. Es gibt viele schöne Momente auf der Jagd. Aber auch diese gehören dazu, an die man etwas wehmütig, traurig aber auch erleichtert zurückdenkt. Und man verdrückt auch mal die eine oder andere Träne.

Auf ein hoffentlich unfallfreies restliches Jagdjahr.

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